Meine erste eigene Wohnung


Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages in eine eigene Wohnung ziehe? Für viele scheint das jetzt vielleicht merkwürdig zu klingen, aber bis zu meinem 29. Lebensjahr habe ich ausschließlich in Gemeinschaften gewohnt. Ich hab zu zweit, zu dritt, zu fünft und im Wohnheim sogar mit bis zu 60 Leuten gewohnt. Es war immer was los, und wer da. Als ich vor über einem Jahr mal wieder mitten im Chaos stand, mein Leben sich von heute auf morgen wieder in eine andere Richtung zu sortieren schien, war ich mal wieder auf WG-Suche. Die Zeit war knapp, um was zu finden, denn zu dieser Zeit wohnte ich kurzzeitig in einer anderen Stadt und die Wohnung war bereits gekündigt. Die WG-Suche schien diesmal nicht so wie im Film abzulaufen, wäre ja auch schon fast zu langweilig gewesen. Ich bekam lauter Absagen und aus irgendeinem Grund schaute ich parallel nach Einzelwohnungen. Und dann, auf Ebay-Kleinanzeigen, las ich diese Zeilen, die eine unglaublich interessante Wohnung erahnen ließen. Es gab keine Bilder und dennoch, ich hatte irgendwie so ein gutes Gefühl und bekam direkt eine positive Resonanz. Ich glaube, ich war mit eine der ersten, die sich auf die Anzeige meldete und das war mein großes Glück. Auf einmal ging alles sehr schnell und ich buchte mir Zugtickets nach Kiel, um die Wohnung zu besichtigen. Als ich meine Vermieterin traf, hat es Zoom gemacht. Wir waren uns auf anhieb super sympathisch und das war mein Ticket für die Wohnung. Ich war nur zwei Wohnungsbesichtigungen von meinem neuen Zuhause entfernt, mitten in einer Zeit, in der alle Studierenden auf Wohnungssuche waren, kaum zu glauben. Und so akzeptierte ich mein Schicksal, dass mir zu sagen schien, hey, dann wohn doch jetzt mal alleine und sortier dein Leben. Ich willigte ein, denn ich hatte mich auf den ersten Blick in diese Wohnung verliebt. Diese Wohnung ist anders, sie ist was ganz besonderes. Überall sind Dachschrägen und Holzbalken und eine riesige Fensterfront, die die ganze Wohnung mit Licht erhellt. Wenn die Dunkelheit bereits in den Straßen der Stadt einkehrt, genieße ich in meiner Wohnung die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Die Dachterrasse ist das absolute Highlight und das dritte Zimmer meiner Wohnung. Es ist so verrückt, denn ich glaube, dass nicht so viele Menschen auf Wohnungsanzeigen ohne Bilder reagieren. Und ich bin so dankbar, dass ich meiner Intuition gefolgt bin. Ich habe nicht nur eine einzigartige Wohnung bekommen, sondern auch einen Platz in der liebevollen Familie meiner Vermieterin, die direkt unter mir wohnt. Wir sind Freunde geworden und auch wenn ich jetzt alleine lebe, fühle ich mich in diesem Haus nicht alleine. Wann immer was ist, ist da eine Tür, an der ich klopfen kann. Jetzt denkst du vielleicht, wow, das klingt alles echt perfekt. Doch ich sag dir jetzt, einen kleinen Haken gibt es. Meine Dusche befindet sich nicht auf meiner Ebene. Zum Duschen laufe ich, an guten Tagen täglich, in den Keller. Und dies wusste ich von Anfang an. Und weißt du was, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Klar, Komfort sieht anders aus, aber wenn ich mir all das anschaue, was diese Wohnung mir schenkt, dann nehme ich dies in Kauf. Was ist schon Perfekt? Ich glaube Abstriche machen wir in jeder Wohnung. Im Sommer bin ich dann allerdings aus Faulheit kreativ geworden, als ich bemerkte, wie sehr sich mein Duschverhalten veränderte :D. Ich baute mir eine Gartendusche auf meiner Dachterrasse. Nach mehreren Anläufen im Baumarkt, um all die richtigen Aufsätze zu kaufen, die ich für meinen Kaltwasserhahn brauchte, funktionierte es. Ich konnte den Wasserschlauch sogar durch den Dachboden nach draußen leiten, ohne diesen durch die ganze Wohnung zu verlegen. Ich feierte meine neue Outdoor-Dusche so sehr und genoss täglich eiskalte Duschen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich eine absolute Warm-Duscherin, doch meine neue Situation veränderte alles. Nach einiger Zeit, wurde mir bewusst, wie lebendig und belebend mich eine kalte Dusche macht. Ich freute mich bereits am Abend, auf die kalte Dusche am morgen. Der warme Sommer tat sein übriges und ich liebte es, mich von der Sonne auf meiner Hängematte zu trocknen. Mittlerweile werden die Tagen wieder kälter und es zieht mich wieder öfter in den Keller zum Duschen, doch ich merke, dass ich das Wasser längst nicht mehr so heiß drehe, wie früher. Denn diese heißen duschen, benebeln mich, während mich eine kalte Dusche belebt und vitalisiert. Und wie du siehst, das Leben schreibt Geschichte. Und ich weiß schon jetzt, dass diese Zeiten, in denen nicht alles so luxuriös ist, die wertvollsten sein werden. Leben pur, mit all den Verrücktheiten, die ich gerne annehme, denn sie schenken mir etwas, was ich nicht kaufen kann. Erinnerungen, von denen ich gerne erzähle.


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